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02.11.2016 Badhaus

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Familienfeste mit Hindernissen

von Karin Minet

Meine Kindheit war glücklich. Ich wuchs in einer harmonischen Familie auf, in der viel gelacht und auch zusammen gefeiert wurde. Und zu den Feiertagen gab es auch meist etwas Besonderes zum Essen.

Ein paar kleine Beispiele:

Advent:

Wie wohl in jeder Familie erfreuten wir uns in der Adventszeit an Plätzchen und Stollen. Bis zu dem Jahr, in dem mein Vater ein kleines Lebensmittelgeschäft übernahm und zu einer Drogerie umstrukturieren wollte. Sparsam wie meine Eltern waren, wurden die vorhandenen Lebensmittel nicht entsorgt, sondern mit nach Hause genommen. Auch 12 große – sehr große – Diabetikerstollen, die wohl noch vom Vorjahr übrig geblieben waren. Von da an gab es Stollen: Stollen zum Frühstück, Stollen als Pausebrot, Stollen zum Nachmittagskaffee oder zum Nachtisch. Stollen in der Adventszeit, Stollen zu Weihnachten, Stollen im Fasching und zu Ostern. Kurz vor Pfingsten war dann endlich der letzte Stollen gegessen.

Und für mich war es der letzte Stollen meines Lebens. Ich hasse Stollen!

Weihnachten:

Am ersten Weihnachtsfeiertag besuchten wir immer meinen Großvater und seine zweite Frau. Diese „Stiefoma“ war zwar lieb und nett, hatte aber nicht allzuviel Erfahrung mit Kindern. Um mir und meiner Schwester etwas ganz Besonderes zu bieten, bekamen wir nach dem Kaffeetrinken jede ein Gläschen Eierlikör vorgesetzt – wir waren gerade 7 und 11 Jahre alt. Das schmeckte lecker und die Entsetzensschreie unserer Mutter amüsierten uns außerordentlich. Im 45

Jahr darauf das gleiche Ritual, Eierlikör für meine Schwester und mich, Mutti entsetzt. Auch im dritten Jahr tauchte die Flasche wieder auf, anscheinend handelte es sich aber immer noch um dieselbe Flasche. Eine dicke Schimmelschicht hatte sich auf dem Likör gebildet. Und Großmutter schien das nicht zu sehen. Im Glas fiel das zwar fast nicht auf, aber wir brachten es nicht über uns zu trinken. Ich weiß nicht, ob die Zimmerpalme eingegangen ist, in die wir in einem unbeobachteten Moment das Getränk schütteten, aber seit dieser Zeit mag ich keinen Eierlikör mehr.

Silvester:

Traditionsgemäß stand am Silvesterabend in meiner Familie immer „Karpfen blau“ auf dem Speiseplan. Wir hatten einen Teich verpachtet, und als Zins brachte uns der Pächter jährlich am 30. Dezember zwei lebende Karpfen. Diese wurden erst einmal in die Badewanne verfrachtet, wo sie ihren letzten Tag recht fröhlich zubrachten. Sie schwammen und sprangen. Und ich saß neben der Wanne und freute mich über unsere neuen Haustiere. Zuweilen musste ich ihnen auch das Leben retten, wenn sie beim Springen die Ausmaße unserer Badewanne überschätzt hatten und schnappend auf dem Badezimmerfußboden zappelten. Das verband. Richtig lieb gewann ich die beiden Hausgenossen. Bis sie am nächsten Tag verschwanden. Ich war zwar noch Kind, aber beim Silvestermahl wusste ich dann doch Bescheid. An diesem Abend aß ich keinen Bissen und in der Folgezeit weigerte ich mich beharrlich zu baden.

Immer noch dusche ich lieber.

Ostern:

Bei schönem Wetter gab es bei uns zuhause jedes Jahr einen Oster-spaziergang, zu dem mein Vater für uns Kinder unverständlicher Weise immer eine große Tasche mitnahm. Unterwegs lief er schon ein Stück voraus, um „den richtigen Weg zu erkunden“, und gesellte sich erst nach einer geraumen Weile wieder zu uns. Wir be46

wunderten unseren Vater außerordentlich, denn während des weiteren Spaziergangs entpuppte er sich jedes Jahr wieder als Eier- und

Osterhasen-Riech-Künstler. „Ich glaube, hier ist der Osterhase gehoppelt, ich rieche Eier, ich rieche Schokolade“. Wie jubelten wir, wenn kurz darauf am Wegrand tatsächlich kleine Osternestchen und Geschenke auftauchten.

Viele Jahre spielten wir dieses Spiel mit, auch wenn wir über die Identität des Osterhasen inzwischen aufgeklärt waren. Leider endete auch diese Familientradition: Eines Jahres lief eine Gruppe Kinder den selben Weg wie wir. Wir hörten sie vor uns jauchzen und lachen. Und in diesem Jahr versagte die Nase unseres Vaters. Kein einziges Ei konnte er erriechen. Schade! Aber wann auch immer wir künftig diesen Osterweg entlang spazierten – mein Vater bildete sich immer ein, den Geruch von faulen Eiern in der Nase zu spüren.

Und ich hoffe, dass unsere Osternaschereien zumindest den anderen Kindern geschmeckt haben.

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