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April 2017

Evi Weier

Die Zeit-Zeiger

Auf dem Kaminsims stand eine schöne, alte Uhr.

Sie war schon lange im Besitz des Hausherrn, ein feines Erbstück von einer ihm teuren Verblichenen.

Bislang hatte sie fehlerfrei ihren Dienst versehen, wurde einmal in der Woche mit dem passenden Schlüssel aufgezogen und liebevoll von Staub befreit.

Jahrelang stand sie schon dort an dem ihr zugewiesenen Platz.

Eines Tages merkte ihr Besitzer, dass etwas anders war als sonst.

Normalerweise tönte das Schlagwerk der Uhr jede Viertelstunde mit einem hellen Klang, und die vollen Stunden zogen mit einem sonoren, tiefen Ton durch das ganze Haus.

Aber heute blieb die Uhr stumm.

Warum? Was war geschehen?

Der Besitzer rätselte und konnte sich keinen Reim darauf machen, dass es plötzlich still war, kein zartes „ding-ding“, kein dumpfes „dong-dong“, das durch die Räume zog. Er ging der Ursache auf den Grund und begutachtete seinen ihm so ans Herz gewachsenen Zeit-Zeiger.

Mit der Lesebrille auf der Nase betrachtete er die Uhr ganz aus der Nähe.

Ja, was war denn das?

Zerbrochenes Glas lag in verschieden großen Scherben vor seinem, ach, so wohl-behüteten Schatz. 365

Der kleine Stundenzeiger und auch der große Minutenzeiger waren verschwunden, einfach weg.

Der Hausherr grübelte und grübelte. Waren etwa Einbrecher im Haus gewesen und hatten der wunderschönen Uhr so übel mitgespielt? War etwa der Besucher heute Morgen Schuld daran und hatte heimlich die Zeiger entwendet?

Nein, so konnte es doch nicht gewesen sein. Was sollte denn jemand nur mit Uhr-zeigern anfangen? Das ergab doch alles keinen Sinn.

In der Nähe des Kamins passierten soeben merkwürdige Dinge: Minuten- und Stundenzeiger standen engumschlungen und ein wenig zitternd in einer Ecke und warteten sehnsüchtig darauf, dass die Zimmertür wieder geöffnet wurde.

Sie wollten in die Freiheit, hatten ihr eintöniges Leben satt! Tag und Nacht, 24 Stunden lang Arbeit wie am Fließband mit wenig Abwechslung – das war ihnen zu öde geworden. Jede Sekunde, jede Minute und Stunde ein Stückchen weiter vorrücken zu müssen, war einfach fad.

So stand der Entschluss fest, sich irgendwann eines Tages aus dem Staub zu machen.

Weit waren sie bislang jedoch noch nicht gekommen, denn gut Ding will Weile haben, und Ausdauer zahlt sich manchmal aus.

Da! Soeben ging die Stubentür wieder auf – und wusch! – waren sie entwichen. Eine so günstige Gelegenheit bot sich nicht jeden Augenblick, da musste man die Gunst der Stunde schon nutzen. Diesen Ausdruck ließen sich die beiden Zeiger förmlich auf der Zunge zergehen….366

Der Hausherr stand noch immer mit zwiespältigem Gefühl am Kamin vor seiner entmachteten Uhr und wurde sehr nachdenklich.

Plötzlich schoss ihm ein Gedanke wie ein Blitz durch den Kopf.

Was, wenn ihm die Zeit einfach davongelaufen war?

Das musste es sein!

Die verschwundenen Zeiger hatten ihm auf ihre Art mitgeteilt, dass man mit seiner Zeit, der Lebenszeit, sorgsam umgehen muss, sonst rennt sie einem einfach davon….

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