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06.11.2013 Badhaus

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Das Obergeschoss des Badhauses ist an diesem regnerischen Novemberabend proppenvoll. Einige neue Gesichter haben sich zu den Literaten gesellt: Peter Ott, der mit seiner Frau da ist, kommt aus Höchstadt, ging nach seinem kirchlichen Dienst in Rente und ist Mitglied in seiner lokalen Theatergruppe. Auch Lore Labin, die bereits an einem Treffen teilgenommen hatte, lauscht den literarischen Vorträgen. Jürgen Kohlberger, der in der Sandler Brauerei und in der Bayerischen Rundschau arbeitete, trat bereits in zwölf Vereine ein – möge der Kulmbacher Literaturverein als der dreizehnte ihm kein Unglück bringen!

Allen, die gerne auf Anweisung schreiben, empfiehlt Birgit Hächl den Blog von Sophie Paulchen, die täglich neue Schreibideen liefert. Die Geschichten, die daraus entstehen, können und sollen ihr sogar posthum auf die Homepage gepostet werden! Birgits Eindruck vom Blog: „Da sind Sätze dabei, die sind zum Jubeln!“

Vorsitzende Karin Minet läutet die Lesung mit einem Zitat von Albert Einstein ein:

„Ich fürchten den Tag, an dem die Technologie unsere Menschheit überholt. Die Welt wird dann eine Generation von Idioten sein.“

Doch nicht nur Technologie bedroht die Menschheit. Anlässlich Albert Camus´100-jährigen Jubiläums zeigt Wolfram Stutz an einem Auszug aus dessen Buch „Der erste Mensch“, wie grausam der Krieg sein kann.

Andrea Senf meint dazu: „Da werden alle Menschen zu Tieren“, worauf Jutta Lange den Vergleich als „gemein“ erachtet: „Ich kenne kein Tier, das sowas macht!“

Renate Traoré-Bartels hat auf die Frage ihrer Enkelkinder hin, wer denn ihr Lieblingsheld sei, mit einer Hommage an ihre Mutter geantwortet. Auch sie schildert das Grauen des Krieges, jedoch auf sehr persönliche, beruhigende Art und Weise. Darin erinnert sie sich an ihr Leben als sechsjähriges Mädchen mitten im Krieg in Bremen. Ihre Mutter, bis dato eher verletzlich und sensibel, entpuppte sich in Ausnahmesituationen zu einer furchtlosen Heldin, ob bei Hunger, Bombenangriffen oder der Feindseligkeit vonseiten der anderen wegen ihrer Ablehnung von Hitler. Auch heute vermisse die Erzählerin die Hand ihrer Mutter, wenn irgendwo ein Probealarm ertönt.

Jutta Lange lockert die Stimmung mit ihren „Schrecklichen Enthüllungen“ aber wieder auf, indem sie die momentane Paranoia wegen der Abhöraffäre ein bisschen aufs Korn nimmt. Darin lockt die Autorin den Leser weg von den gefährlichen Glühbirnen hinein ins Dunkel… alle Zuhörer wissen jetzt, was ein harmloser „Scheinapparat“ mit der NSA zu tun hat und warum Sie ab sofort lieber gründlich die Glühbirnenverpackungen durchlesen sollten…

Ebenfalls heiter geht es in Peter Otts „Kellererlebnis“ zu. Der zugegezogene Franke sitzt an einem wunderschönen Nachmittag in seinem offenen Bierkeller und beobachtet die Landschaft. Doch dann stören die „glorreichen Vier“, wie der Erzähler sie genervt tauft, die Idylle:Leistungsorientierte Freizeitradler stören mit überlautem Verlesen der Speisekarte und kellerfremden Verhalten die meditative Ruhe der Anwesenden. ?

 Markus Ramming denkt in „Grauzone Seelenheil“ über den Sinn und seine Rolle im Leben und über sein Wirken in der Welt nach. Statt sich „Alibitröstungen“ zu seinem Kummer anzuhören, möchte er lieber selbst das Schicksal der Welt in die Hand nehmen und durch gute Taten etwas erreichen.

„Aufgeben ist nur was für Loser.“

Und trotz all dem Schwarz gibt er den „Löwenzahn im U-Bahn-Schacht namens Hoffnung“ nicht auf.

Uschi Prawitz empfindet die Einzelgängerrolle als sehr romantisch dargestellt. Thomas Seubold weist auf das interessante Farbemotionsspektrum des Textes von Schwarz zu Gelb hin. Wolfram Stutz lobt das Augenmerk des Autors auf das eigene Innenleben.

Thomas Seubold sorgt mit seiner Auflistung sowohl veralteter als auch fiktiver Berufsbezeichnungen für Erheiterung. Nicht nur „Weinbergschneckenbesamer“, „Pater-Noster-Macher“ und „Besenkammersänger“ empfinden viele Leser als erstrebenswerte Berufung, auch Wortspiele wie „Genuss-Mittelstürmer“, „Stau-Raum-Fahrer“ und „Apfel-Kern-Physiker“ stoßen auf Begeisterung.

In seinem zweiten Text „M sucht W“ verblüfft Thomas wieder alle mit seinem eigenwilligen Schreibstil. Ein Mann steht vor der Haustür der Frau.

„Meine Ohren extrem angespitzt

für das Dazwischen in deinen Worten.“

Er wartet „kreideklippenbleich“, erhält von seiner Angebeteten ein „Pferdeschwanzlächeln“ und führt „eine Briefkastenschlitzkonversation auf Augenhöhe“ mit ihr.

Zu diesem Thema hat Renate Traoré-Bartels einige witzige Anekdoten auf Lager, mit der sie für einiges Gelächter sorgt. Es klärte sich außerdem auf, dass Thomas Seubold nicht Renates Traummann war, dem sie vor zehn Jahren auf eine Zeitungsanzeige geantwortet hatte.

Bei Ilse Pfitzners autobiographischer Geschichte „Freu dich an dem Unterschied“ kommt verfrühte Adventsstimmung auf. Die Erzählerin, damals schwanger, ihr Mann und die zwei Kinder lernten im Spanienurlaub zwei Niederländerinnen kennen, mit denen sie sich anfreundeten und sie zu Weihnachten zu sich einluden. Dass sie tatsächlich kamen, sorgte bei der schwangeren Gastgeberin zwar für Stress, aber die Freude über das Wiedersehen überwog. So verbrachten sie mit den beiden Holländerinnen, von denen eine halb indonesisch war, ein internationales Fest mit zweisprachigen Weihnachtsliedern.

Birgit Hächl gibt uns eine Kostprobe ihrer neuesten Schreibexperimente. So baut sie eine Zeile mehrmals in ein Gedicht ein, ohne sie direkt zu wiederholen oder sie beschäftigt sich mit einem zufälligen Wort aus dem Duden. Sie fasziniert mit ihrer Kreativität, als sie sich zu Wortpaaren eine Geschichte aus Sicht einer Kuckucksuhr ausdenkt oder eine Frau von hinten beschreibt. Am meisten beeindruckt ihr Einschlafgedicht „Ruh“, das sie zudem sehr schön vorträgt.

An meinen Schuhen klebt schwer der Tag […]

Die Dämmerung pirscht sich ins Dorf […]

Sie gießt Ruhe in die Reste meiner Pläne.“

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