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Bilz Simone

„Con vista su ...“

Sie saß auf der Terrasse des an der malerischen Promenade gelegenen, feinen italienischen Restaurants und betrachtete die Wellen, welche sich am sanft abfallenden Kiesufer brachen. Es dämmerte bereits, doch die Luft war warm und weich, umspielte ihr langes Haar und trug den Duft des Südens mit sich. Am Horizont zeichneten sich die Konturen der umliegenden Gipfel des Monte Brione und der Hänge gen Tempesta ab und mischten sich mit dem langsam vom kristallenen ins marinefarben übergleitenden Blau des Himmels. Im Hintergrund vernahm sie stetes Stimmengewirr. Italienisch, Deutsch, Französisch. Keinem der Gespräche lauschte sie bewusst. Sie vermischten sich viel mehr mit dem sachten, rhythmischen Rauschen der Wellen zu einer sonoren Melodie.

 

Sie ruhte in sich. Beobachtete. Schwieg. Es fehlte ihr in diesem Moment an nichts. Wie lange war ihr dies nicht mehr gelungen. Doch hier – am Tag vor ihrer Abreise – in diesem kleinen, feinen italienischen Restaurant, kam es ihr plötzlich so einfach vor. Beiläufig griff sie nach dem langstieligen Glas mit dem lieblichen Rotwein, welcher kurz darauf süßlich herb ihre Lippen umspielte. Sie lehnte sich zurück und behielt das kristallene Behältnis, leicht den dunkelroten Inhalt schwenkend, in ihrer rechten Hand. Ein sanfter Strahl der tiefstehenden Sonne brach sich darin und brachte den roten Saft zum Glitzern. „Maliardo“, flüsterte sie sanft und schloss ihre Augen.

 

Heute Nachmittag, als sie im Zentrum des ehemaligen Fischerdorfes im Norden des Gardasees einen Café crema zu sich nahm, beobachtete sie eine Szenerie, welche ihr nun wieder ins Gedächtnis kam.Neben ihr saß ein junges Paar. Es unterhielt sich angeregt über die Sehenswürdigkeiten und Orte, welche sie während ihres Besuches noch aufsuchen wollten, und überlegte sich eine geeignete Route. Beide wirkten ruhig und doch erschien auf ihren Wangen eine angemessene Röte, welche darauf deutete, dass sie voller Vorfreude und Aufregung waren das Geplante umzusetzen. Dabei ergriff die junge Frau immer wieder sanft den Unterarm ihres Begleiters, den er zur Hälfte auf der vor sich ausgebreiteten Karte platziert hatte. Ihre Augen blitzten, wenn sich ihre Blicke begegneten und verharrten dann meist, einen Moment länger als es denn nötig gewesen wäre, beieinander. Schließlich faltete er die Karte zusammen, während sie sich in ihrem Stuhl zurücklehnte und entspannte.

 

„Maliardo“, flüsterte sie. Als er es ihr gleich tat, suchte sich seine Hand wie selbstverständlich den Weg zu ihrem Bein und streifte es liebevoll, als wollte er sich versichern, dass sie auch wirklich bei ihm war. Als stille Antwort schmiegte sie ihren Kopf an seine Schulter und ein glückseliges Lächeln umspielte ihre Lippen.

 

Nun mögen diese Beobachtungen keine außergewöhnlichen gewesen sein. Doch für unsere Protagonistin war es etwas Besonderes. Sie erkannte es noch als Privileg sich auf eine sehr zurückhaltende und doch intime Art nahe zu kommen. Jeden Moment auszukosten und auf sich wirken zu lassen. Frischverliebte können oftmals dem Feuer der ersten Gefühle nicht standhalten. Sie werden von ihnen regelrecht verschlungen, fortgetragen von begieriger Leidenschaft und Ungeduld. Gerade in der heutigen Zeit.

Sie erwachen spät aus diesem Rausch. Ernüchtert. Nur selten noch fähig den feinen Nuancen einer erwachenden Liebe nachzuspüren. Die Wenigen, welchen es gelingt das Feuer zu überstehen, haben indes nicht selten verlernt, welche Macht derartige kleine Gesten, wie eine solch zarte Berührung, besitzen. Ihre Art der Liebe wirkt kühl und die Beteiligten wie durch unsichtbare Fesseln aneinander gekettet. Sie haben oftmals verlernt, kleinen, wunderbaren Momenten die gerechte Aufmerksamkeit zu schenken, um die Wärme in ihrem Herzen zu bewahren. Sie haben verlernt sich anzusehen und im Blick des anderen zu verweilen. Sie haben den Blick für die Sanftheit der Liebe verloren.

Doch sie hatte in ihrem Leben bereits einige Male das unverhoffte Vergnügen, dererlei auserwählt glückliche Paare beobachten zu dürfen, wie jenes in dem Cafe am Fuße der Sarca. Dabei war es nie ihre Absicht, und es passierte auch immer mit der angemessenen Zurückhaltung. Doch es berührte sie ein ums andere Mal zu tiefst. Sie war sich dessen von je her bewusst, welch unglaubliches Geschenk jene doch so unscheinbare Geste eines wahrhaftig liebenden Menschen ist.

Berührungen dieser Art sind ein Schlüssel zum Herzen.

Sie berühren die Seele.

Sie sagen: Danke, dass du da bist und dass ich bei dir sein darf. 

Sie sagen: Danke, dass du meine Gegenwart schätzt.

Dass du bei mir und niemand anderem sein willst.

 

Sie erschrak ein klein wenig, als sie merkte, dass der italienische Kellner mit den sanften dunklen Augen neben sie getreten war und flüchtig ihre Schulter streifte. Seit sie das erste Mal hierhergekommen war, war er immer im Dienst gewesen. Immer bediente er sie mit einer sehr höflichen, in diesen Zeiten untypisch respektvollen Art. Seine Bewegungen waren fließend und routiniert, ohne jedoch abgestumpft oder der Tätigkeit überdrüssig zu wirken. Selbst wenn es sehr geschäftig zuging, bewahrte er diese besondere, erhabene Art, welcher es dennoch nicht an der zuträglichen Nonchalance fehlte.

Nun, da er bei ihr stand, hatte er fragen wollen, ob sie noch etwas wünsche. Doch statt eine Antwort zu geben, sah sie nur in seine Augen, die, wie es ihr vorkam, bis in ihre Seele vorzudringen vermochten und erwiderte lediglich seinen auf ihr ruhenden Blick – wohl ein wenig länger als es nötig gewesen wäre, als ihr ein sehnsuchtsvoll gehauchtes „Maliardo“ entwich …

Simone Bilz

 

Im Wonnemonat Mai des Jahres 1980 erblickte ich im schönen Kulmbach das Licht der Welt. Hier liegt der Ursprung von allem, das mich begeistert: Die Verbundenheit zur Natur und den Tieren, die Begeisterung für Musik, der Glaube an wahre Freundschaft, die Leidenschaft für die Reiterei und natürlich die Liebe zur Literatur.

Schon in jungen Jahren begann ich Bücher zu verschlingen und eigene Texte und Gedichte zu Papier zu bringen.

Im Jahr 2008 „infizierte“ ich mich mit dem Virus „Poetry Slam“. Bis ich selbst aktiver Teil dieser kreativen Szene werden sollte, vergingen noch einige Jahre.

2012 besuchte ich einen Poetry-Slam Workshop in Bayreuth, wo ich befand, dass dies ein Format sei, dass auch in Kulmbach etabliert werden sollte. Frank Stübinger von der Kulmbacher Kommunbräu bot mir seine Unterstützung an und so wurde „Die Kommune slammt“ geboren. Zudem gebe ich selbst Workshops.

In jedem meiner Texte steckt ein bisschen Leben von mir, wenngleich keiner von ihnen rein biografisch zu bewerten ist.

Juni 2017

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