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07.12.2016 Badhaus

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Renate Traoré Bartels

Die Verkäuferin auf dem Weihnachtsmarkt

Es war nicht so easy schon manchmal etwas hart.
Die Tannenbäume lagen unbeachtet, umgefallen im Regen. Von irgendwo her aus irgendeinem Mikrofon klang  etwas Ähnliches wie Weihnachtssegen.
An der Bude mit den alkoholischen Getränken wurde sehr laut gelacht.
„Entschuldigen Sie, Fräulein, wann wird heute Abend zu gemacht?“ Die Beine sind müde, der Kaffee ist leer, sie lächelt hinter vorbeihetzenden Eventuel -Kunden her. Eine kommt betteln. Ein anderer klaut. Die Nachbarin wurde auf dem Heimweg beraubt. Ein Kind bleibt stehen, in den Augen noch Weihnachten versteckt. Die Polizeisirene hat es aufgeschreckt.
Noch vier Wochen, dann ist Heilige Nacht.
Gestern haben sie hier auf dem Weihnachtsmarkt einen erstochen, er hat sich bis zum Bahnhof Zoo schleppen müssen, bis ihm geholfen wurde.
Heute ist es ruhiger, die Sicherheitsposten wurden verstärkt. Hinter unseren Buden stehen die Polizeiwagen.
Früher war hier der Umschlagplatz für Drogen.
Heute ist hier der Weihnachtsmarkt.  Wenn er vorbei ist, wird dieser Platz wieder den Drogenhändlern gehören, bis zum nächsten Weihnachtsfest. Kurz vor der Eröffnung des Weihnachtsmarktes hat „Mann“ auch die Kaffeeshops geschlossen, in denen sich die Drogenhändler aufhielten, aber es hat nicht viel genützt, jetzt deponieren sie ihre Drogen unter unseren Verkaufsbuden mit Artikeln, die Mann oder Frau zu Weihnachten brauchen könnten. Kerzen, Duft Öle, Schmuck, Spieluhren und Essen und Trinken. Bettler kommen vorbei. Geben ist schöner als Nehmen. Ich gebe Jedem, obwohl ich weiß, es wird nichts nützen. Und der Wind ist so kalt, und ich sitze wenigstens in der Bude –  sie sind draußen.  Eine junge Frau mit einem kleinen Kind im Wagen starrt auf meine Kerzen. Sie ist sehr schön, aber nicht in dieser Welt. Ich sage ihr einige Male, dass ihr Kind gleich aus dem Wagen fällt, sie nimmt mich nicht wahr, ihr Kind auch nicht. Es hat rote Hände, der Wind ist so kalt – Was soll ich tun? Stille Nacht, heilige Nacht 
Heute ist auf dem Weihnachtsmarkt kein Geschäft zu machen,  der Wind ist so kalt – und

Gestern ist dieser Mensch mit dem Messer verletzt worden, da haben die Leute Angst. Aber trotz allem  bald ist Weihnachten und da muss Mann oder Frau ja was schenken, aber was soll man noch schenken, eigentlich haben ja fast Alle schon genug. Schon wieder ein Bettler. Na ja, ich gebe Jedem – Vielleicht wird das Geschäft ja kurz vor Weihnachten noch besser.  Wieso wohl ewig die Polizeiautos mit ihren Sirenen ständig hier vorbei fahren –  Ich bin hier in meinem winzigen Häuschen ja relativ isoliert von Allem. Einen Kaffee hätte ich jetzt gerne, denn der Wind ist so kalt,  und es ist so wenig los. Das macht müde und unmotiviert,  aber ich muss doch was verkaufen, denn die Standmieten sind enorm hoch. Aber, wenn ich mir einen Kaffee holen will,  muss ich hier rauskrabbeln,  denn mein Eingang ist nur 1x1 Meter,  und geklaut wird vielleicht derweil. Ich frage mich, warum sie wohl die ganzen Weihnachtsbäume abgesägt haben, wenn sie doch nur hinter den Ständen rumliegen? – und ob sie sich nun arme Leute holen, um sie am Weihnachtsabend noch in ihre Stuben zu stellen.
Ich denke an die Geschichte vom kleinen Tannenbaum, die ich meinen Kindern früher vorgelesen habe, wie er sich so gefreut hat auf den Heiligen Abend, wo er geschmückt der Mittelpunkt in einer Familie sein würde. Seitdem kaufen wir immer Bäume im Topf, aber die hier draußen halten sich ja auch lange, denn der Wind ist ja so kalt. Obwohl hier, in der Großstadt, werden sich Viele die aufblasbaren Plastikbäume kaufen,  ist ja auch praktisch alle Jahre wieder, und sie nehmen keinen Platz weg.  Platz ist in der Stadt knapp und teuer. Mein Gott, ist der Wind kalt.

Nun bin ich doch rausgekrochen, habe einen Kaffee getrunken, musste vorbei an dem wunderschönen Türkenpaar. Sie haben kein Häuschen, verkaufen russische Puppen –  habe schon zwei gekauft –  dann noch schnell auf die öffentliche Toilette –  Meine Nachbarin: „Da würde ich mich nicht reintrauen“ – „Ja, aber sie ist doch die Nächste und schon o.k.“ „Naja, kann sein während der Weihnachtszeit und wegen der Touristen – aber sonst ist es da immer übel, voll Blut usw. – na ja – Sie wissen schon….“ Aber ich weiß nix und weiß auch nicht, ob ich noch was wissen will.

Bald kommt die Heilige Nacht und der Weihnachtsmarkt ist zu Ende und ich flüchte wieder zurück aufs Land mit ein paar Berliner Weihnachtswichteln, Handarbeit, das Stück 5,- Euro.  Die werden auch froh sein, wenn sie wieder aus dem Großstadt-chaos raus sind. Und ihre Ruhe haben. Wenn der Wind einen Moment nicht so laut bläst, und weil ja auf dem Markt so wenig los ist, meine ich sie ganz leise sich gegenseitig ins Ohr flüstern zu hören: „Geduld, bald haben wir‘s geschafft.“  Dann singen sie überall: „Stille Nacht“ und wir setzen unsere Mützen ab und spielen „Zwerg ärgere dich nicht“.

Im darauf folgenden Jahr entschlossen sich kurzerhand die Händler als Verkäufer in den Buden auf dem Weihnachtsmarkt nur noch Zwerge einzustellen, denn die Platzmieten waren so teuer, dass man die Bude ziemlich klein halten musste, während man wiederum viel darein stopfen wollte, denn man wusste ja nie, wonach den übersättigten Leuten der Sinn stand. Für den Ein- und Ausgang war ja sowieso nur noch ein Platz von 1x1 Meter. Also annoncierten die Händler in der Tageszeitung: „Zwerge gesucht für den Weihnachtsmarkt.“ Und es war unglaublich wie viele sich für den Job interessierten. Naja, warum sollte auch die Arbeitslosenzahl unter den Zwergen kleiner sein, das hat ja mit der Größe nichts zu tun. Also, da kamen jede Menge der verschiedensten Sorten. Eine warme rote Mütze hatten sie alle auf. Das war ja nun schon mal sehr günstig, denn auf dem Weihnachtsmarkt war oft der Wind so kalt und eine Mittelohrentzündung wäre nun das Letzte, was man da gebrauchen könnte. Na ja, im nächsten Jahr würde es noch geschickter gemacht werden müssen. Vielleicht sollte man etwas mehr investieren  und aus den kleinen einzelnen Häuschen  eine Art Riesenautomaten machen.  Zum Beispiel Die Geschenke fahren auf einem Band an Sichtfenstern vorbei. Weihnachtsmusik auf einem Tonband,  dazwischen ein paar Erklärungen, Anregungen. Zum Beispiel Die Kerze tropft nicht, das Champagnerglas kann man normal benutzen wenn die Kerze verbrannt ist. Der Käufer würde dann in Ruhe aussuchen, Geld in den Automaten, Geschenk raus, fertig. Kein Diebstahl mehr möglich, Platzmangel ist eingeschränkt, Zwergen Gehalt fällt weg. Sicher, viel war es nicht, denn Zwerge sind bescheiden, brauchen nicht viel zum Leben,  sind ja klein, aber das könnte auch noch eingespart werden. Dann würde sich der Weihnachtsmarkt für die Händler auch wieder lohnen und  es wäre auch alles wieder ein bisschen zukunftsorientierter.

Viele Menschen waren ja auch bis zur „Stillen Nacht“ im Stress. Und wie beruhigend, wenn es möglich wäre, schnell noch, in letzter Minute, zum Weihnachtsmarkt zu gehen und die nötigen Geschenke zu besorgen. Vielleicht würde dann die Stadt auch die Zufahrt organisieren und man könnte in Zukunft mit dem Wagen vom Kudamm zum Tauentzien an der Einkaufspassage vorbei fahren ohne lange zu parken, vom Auto aus wie bei Mac Donalds.

Dann ließe sich auch das Drogenproblem wieder in den Griff kriegen, die Dealer könnten wieder in Ruhe ihrem Job nachgehen, die Bevölkerung und die Touristen wären nicht gefährdet in ihren Wagen. Sie würden höchstens mal ab und zu angebettelt um ein paar Euro.  Aber wenn der Fahrer die Scheibe schließt, ziehen sie die Hände schon zurück, sonst hätten sie sich eine eventuelle Verletzung schon selbst zuzuschreiben. Letzten Endes wäre das die sauberste und einträglichste Lösung eines wirklich funktionierenden Weihnachtsmarktes.

In diesem Sinne

Fröhliche Weihnachten.

 

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