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September 2017

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Seelentag

Der Herbst ist eingezogen. Ich fahre in den Wald mit nichts im Gepäck als meinen sechs Sinnen. Ein leichter Hauch streichelt die Luft. Die Kälte des Morgens und die Wärme der Sonne schauern über meine Haut. Weit öffnen sich meine Lungen und atmen begierig die reine Luft. Ein Seelentag.
Ich laufe, über Stock und Stein, überesse mich am Farbenrausch. Entdecke neues Altes. Schon lange dagewesene Bäume und doch im Wandel. Meine Seele spürt das Leben im Stillstand, sieht die Bewegung in der Ruhe. Der Zerfall verströmt seinen würzigen Odem. Tausendfache Düfte schwingen heran und wogen ab. Sie künden von Dasein und Tod.

Rast nehme ich an einer kleinen Lichtung. Wiegende Äste geben den Takt. Die Zeit verstreicht unbeachtet. Meine Seele schweift in die Ferne und wandelt in der Nähe. Tiefe Sonnenstrahlen durchziehen die schütteren Wipfel, werfen wahllos einen Lichtblick aufs regenbogenbunte Spinnennetz und dort eine harte Schattenkante an den Birkenstamm. Lebendige Schimmer von Weiß und Schwarz in einer Fülle von Farbtönen. Wärme und Licht im nächsten Moment genommen und anderen gespendet. Der Wald entbehrt sich Stück für Stück. Skulpturen werden aus toten Ästen geboren. Monströse Fratzen wohnen im Laub der alten Herbste. Fallende Blätter lassen surreale Gemälde entstehen, bedecken sie und entwerfen sie verführend neu.

Meine Seele lauscht einer Sinfonie. Das stetige Rauschen der Fichtenwipfel, das zarte Schlagen der Buchenstämmchen und leise, leise spielen die roten Blätter der Zitterpappel eine kleine Melodie. Silberhell das Klicken, wenn sie zu Boden fallen und misstönend von ihrem Dasein ein letztes Zeugnis abgeben. Ein Rascheln dort am Weg, ein Hämmern hier am Stamm. Das Leben ist so stark im Vergehen.

So rastet meine Seele, sie labt sich am Lebenssaft und blüht auf. Ihre Zerrungen werden zu gleichmäßigen Schwingungen, spiegeln das Wogen des Windes, reflektieren das Schaukeln des bunten Laubes. Sie atmet die Sonne und zieht aus dem Odem des Vergehens neue Entschlossenheit. Ein Seelentag – so kraftvoll wie nur der Herbst ihn spenden kann.

Frida Wiesner

 

Foto: K. Stutz

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