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Gleich zu Beginn überrascht Thomas Seubold mit seinem außergewöhnlichen Schreibstil. Sein Gedicht „Für Elise“ entstand auf einer Fastenwanderwoche im Taubertal, auf der die Teilnehmer eine Woche lang nichts essen und 20 Kilometer täglich wandern. In dieser Extremsituation solch ausdrucksstarke Bilder zu schaffen, verdient besondere Anerkennung. Ausdrücke wie „zu Neujahr werden die Sterne frisch poliert“, „Bäume ohne Schlips und Kragen […], ein seltenes Pornorama“ und „leer getrunkene Hochlandauen“ beeindruckten die Zuhörer.

Ludwig Dippold hatte im Zuge einer Schreibübung zum Thema „Im Schatten des Kreuzes“ etwa zwanzig (!) Geschichtenanfänge verfasst, von der er einen weiter ausgeführt hat. Die Geschichte beginnt mit einer Trennung, Schauplatz sind die Südtiroler Berge. Eine von ihrem Freund vernachlässigte Frau macht mit diesem Schluss, nachdem sie ihn vor die Entscheidung „Ich oder deine Sturmlaternenfirma“ gestellt und er sich für letztere entschieden hatte.

„Es gibt einen anderen Weg.“

Diesen schlägt sie wortwörtlich ein, läuft wie betäubt von ihren verletzten Gefühlen zum Gipfel empor, nur ihr treuer Hund Bodo folgt ihr. Oben angekommen verweilt sie im Schatten des Kreuzes und Bodo drängt sie dazu, ihm zu verraten, was sie nun vorhat…

Neulich übergab eine ältere Patientin Silvia Schäfer, die in einer Arztpraxis arbeitet, ihr Gedicht in Mundart. Es ist ein zugleich witzige-ironisches und auch trauriges Gedicht, in der sich die Erzählerin in das Leben einer Bank im Winter einfühlt, die sich genauso nutzlos und einsam fühlt wie sie selbst und sich sehnsuchtsvoll an den Sommer in ihrem Leben erinnert.

„A klans Bänkla im Wold,

scho ganz wacklich und olt. […]

Häsla sin um mich rumgewetzt,

Wanderer ham sich niedergsetzt.“

Silvia hat auch einen eigenen Text namens „Frieden“ dabei. In diesem nimmt die Erzählerin Abschied von einem geliebten Menschen.

„Frieden liegt auf deinem Gesicht. […]

Du zählst nun das tausendste himmlische Schaf.“

Den Literaten gefällt die tröstliche Atmosphäre des Gedichts, die jegliche Angst vor dem Tod im Keim erstickt.

Sehr heiter wird es daraufhin in und durch Michael Asads Text „Ein Leben ohne Schlampen ist kein wahres Leben“, eine ganz und gar nicht frauenfeindliche und doch sehr spitzzüngige Hommage an eine ganz besondere Gruppe von Frauen.

Der Erzähler gesteht, dass trotz Ehefrau und vorheriger treusorgender, liebevoller Freundinnen die Schlampe am längsten und am deutlichsten in Erinnerung bleibt, obwohl die Beziehung mit ihr ebenfalls „schlampig“ war. Die typische Schlampe ist „liiert, aber nicht vergeben“, döst in den Tag hinein, während ihre unehelichen Kinder selbstständig ihr Leben führen und beklagt sich gern über sämtliche Leute, wobei sie stolz auf ihren eigenen schlechten Ruf ist.

Man weiß um ihr rein oberflächliches Interesse und kommt auch dann nicht von ihr los…und wehe, wenn die Ehefrau die Liebesbriefe findet!

Anschließend tauschen sich die Literaten über ihre Erfahrungen mit solchen „Schlampen“ aus und amüsieren sich prächtig. Michael Asad appelliert an die Zuhörer, aus Respekt dem Expartner gegenüber jede Beziehung, egal welcher Art, zu wertschätzen und sie nicht im Nachhinein als ein Nichts abzutun.

In Jürgen Dudzigs Text „Ein fremdes Land“ beschreibt der Erzähler seinen Umzug ins Ausland und seine Gefühle und Ängste dabei.

„Kein Wort kommt an.“

Er  muss sein neues Leben meistern, sich neues Wissen, neue Sprache und neues Denken aneignen. Dabei wünscht er sich nichts so sehnlich wie Toleranz und dass das Land bald zu seiner Heimat wird.

Besonders Sun Yu, unsere aus China stammende Autorin, kann sich gut mit dem Text identifizieren. Auch sie fühlte sich anfangs manchmal einsam, kannte außer ihrem Mann kaum jemanden und tat sich mit der deutschen Sprache hart. Mittlerweile ist sie glücklich, sozial und sprachlich völlig integriert zu sein.

 

Klaus Köstner sorgt mit seinem autobiographischen Bericht „Ein seltenes Filmdokument“ für köstliche Unterhaltung. Die Geschichte beginnt abrupt damit, dass sich fünf amerikanische Zivilpolizisten im Weißen Haus in Washington auf Klaus werfen und ihn verhaften. Wie es dazu kam? Klaus besuchte als junger Lehrer mit seiner Gastfamilie in den USA das (streng bewachte) Weiße Haus in Washington. Überall hängen Schilder mit dem Verbot „No photos!“ Eine dreiste Idee im Kopf, zückte Klaus also seine Kamera und filmte einen imposanten Kronleuchter. Daraufhin kam es zu besagter, spektakulärer Verhaftung. Klaus erklärte zur seiner Verteidigung, dass schließlich nur Fotos verboten waren, von „No movies“ aber nirgendwo die Rede war. Dennoch musste er ein strenges Verhör über sich ergehen lassen…

Klaus Köstner ist heute immer noch stolzer Besitzer eines Videos aus dem Weißen Haus von anderthalb Sekunden Länge. Die Zuhörer sind begeistert und loben vor allem den unvermittelten Höhepunkt gleich zu Beginn der Geschichte.

Als nächstes liest Thomas Seubold erneut ein sehr ausdrucksstarkes Gedicht vor, das er auf seiner Reise nach Rom  verfasste und das den Namen „Rom 15 Uhr 10“ trägt. Leider stellt er fest, dass nicht alle, sondern doch nur EIN Weg nach Rom führt, den er aber leider lange Zeit nicht findet und in fremden, nach verbrannter Ziegenmilch riechenden Straßen herumirrt.

„Türen traten aus Angeln,

sie lehnten sich an mich.“

Außerdem hat er den witzigen Dialog „Müll“ von Luis Fernando Verissimo dabei, den er im Wechsel mit Michael Asad (er spielt die Frau, Thomas den Mann) vorträgt.

Ein Mann und seine Nachbarin, die sich schon seit längerem füreinander interessieren, begegnen sich  beim Müllwegbringen im Innenhof und führen ihr Gespräch – genau – über ihren Müll. Er gesteht ihr, aus ihrem Müll „gelesen“ zu haben, dass sie wohl gerne kocht, Liebeskummer(aufgrund der Blumensträuße und Taschentücher in der Tonne) hat und gerne Gedichte schreibt. Sie hat in seinem Müll dagegen die Nachricht vom Tod seines Vaters gefunden und seine Vorliebe für Büchsenfleisch entdeckt.  Am Ende beschließen die beiden, gemeinsam zu kochen. Und die Frage aller Fragen bleibt natürlich: „Und was machen wir mit den Resten? In deinen oder in meinen Müll?!“

Margarete Biedermann schließt den Abend mit ihren wahren und salbungsvoll klingenden Worten ab:

„Kastanien und Hagebutten

zeigen uns:

Der Winter ist nah.“

Von Franziska Weiß

21.10.2013 Café Clatsch

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