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Abschied, Neuenmarkt, 04. August 1914

Meta

Die kleine Gerda zappelte und schrie auf meinem Arm und ich fragte mich, was sie wohl nervöser machte: die riesige Dampflok unmittelbar vor uns, die vielen grölenden Männer, die sich aus deren Fenster beugten, oder die Tatsache, dass ihr Vater einer dieser Männer war. Er sah unglaublich stolz aus in seiner Uniform – gut, sie stand ihm wirklich – und er jubelte mir und unserer kleinen Tochter zu. Ich konnte nicht mitjubeln, denn einerseits ärgerte es mich ein bisschen, dass ihm der Abschied von mir so überhaupt nicht schwerfiel, aber andererseits – und das war der Hauptgrund – wurde mir jetzt schon ganz bange, wenn ich nur daran dachte, was ihm alles zustoßen könnte. „Fritz!“, rief ich ihm zu, „Pass bloß auf dich auf!“ „Denkst du etwa, ich lasse zu, dass einer dieser Franzosen mir etwas antut?“, rief er zurück und lachte dabei. Es irritierte mich, direkt neben seinem Kopf Sprüche wie Auf zum Freischießen nach Paris! und Auf in den Kampf – mir juckt die Säbelspitze! zu lesen. Die ganze Lok hatten sie damit beschmiert. Ich konnte es nicht fassen. Das war doch kein Kinderspiel oder ein Dummejungenstreich, es ging in den Krieg, Herrgott nochmal! Wie konnte man so etwas nur so auf die leichte Schulter nehmen? Ich hatte mich mit Fritz schon so oft darüber gestritten, doch es hatte keinen Zweck. Er verstand einfach nicht, dass töten, rauben, brandschatzen und abschlachten nichts mit Heldentum zu tun hatte. Stattdessen regte er sich auf, dass ich ihm im Gegensatz zu den anderen Frauen kein Blümchen an die Uniform gesteckt hatte. Manchmal kam ich mir so vor, als wäre ich der einzige Mensch, dem auffiel, dass ein Krieg nur Tod, Elend und unverzeihliche Gräueltaten mit sich brachte. Ich wollte nicht, dass mein Fritz, mein lieber Fritz, Menschen erschoss, in die Luft sprengte oder ihre Häuser ansteckte, und noch weniger wollte ich, dass ihm etwas Ähnliches passierte. Was hatten uns die Franzosen denn getan? Was kümmert es uns, wenn irgendein Serbe einen österreichischen Thronfolger erschießt? Ich blickte wieder hinauf zu Fritz, der immer noch aus dem Fenster der Eisenbahn hing und johlte. Eine Flasche Bier ging unter den Soldaten rum – er trank einen besonders großen Schluck. Nie im Leben hätte ich mich freiwillig zur Armee gemeldet, und genauso wenig hätte ich mich in so eine Lok gesetzt. Das riesige, pechschwarze Gefährt war mir nicht ganz geheuer, wie es dampfte und schrillte, obwohl Neuenmarkt jetzt schon so lange eine Eisenbahnverbindung mit einem richtigen Bahnhof hatte. Mit Tränen in den Augen stellte ich mich auf die Zehenspitzen, um ihm durch das Dampflokfenster einen letzten langen Abschiedskuss zu geben. Er wirkte so siegessicher… doch was, wenn das der letzte Kuss in diesem Leben war, den er mir gab?

Fritz

Meine Kameraden neben mir johlten noch lauter, als ich Meta zum Abschied küsste, und ich musste grinsen. So hatte ich mir das vorgestellt. Wir, die heldenhaften Soldaten, die für ihr Vaterland und für ihren Kaiser kämpften, in ihren Uniformen, von allen umjubelt. Was würde das erst für einen Empfang geben, wenn wir als Sieger wieder zurückkehrten! Dann würde sogar Meta einsehen, dass sich unsere Mühen gelohnt haben werden. Es schien, als ob sie mir den ganzen Stolz und das ganze Abenteuer verderben wollte, doch ich wollte mich davon nicht einschüchtern lassen. Dieser Krieg war Deutschlands Aufstieg, er würde uns groß machen, und ich freute mich, dass ich dazu beitragen konnte. Was für eine Ehre für mich! Stolz rückte ich meine Pickelhaube zurecht. Wir brauchten sie noch gar nicht zu tragen, aber ich konnte sie einfach nicht absetzen. Schon bald würden die Völker Europas und der ganzen Welt vor uns und unseren Pickelhauben schlottern, sie würden erzittern vor dem Dröhnen der Schüsse unserer dicken Bertha! Es war ja nicht so, dass wir um jeden Preis in den Krieg ziehen wollten, aber dieser Krieg musste einfach sein, davon war ich überzeugt. Eigentlich war ich fast ein wenig enttäuscht, dass ich nur gegen die Franzosen mitziehen durfte, denn dass wir die sofort plattmachen würden, war ja schon klar. Einer der Kameraden stimmte das Deutschlandlied an. Ich liebte dieses Lied genauso wie Meta und wie mein Vaterland, denn es gab einem Kraft und Zuversicht und es sagte so viel Wahres aus… Um das den anderen zu zeigen, sang ich sofort mit: „Deutschland, Deutschland, über alles, über alles in der Welt!...“ Ein schrilles Pfeifen unterbrach unseren feierlichen Gesang. Die Lok setzte sich langsam in Bewegung und das Jubeln meiner Kameraden wurde lauter. Faszinierend, dass wir mit diesem neumodischen Fahrzeug innerhalb weniger Tage bis nach Frankreich fahren konnten! Ich jubelte mit und winkte Meta und Gerda. Meta winkte zurück, aber ich sah, dass sie weinte. Dieser Anblick ließ meine Stimmung jäh kippen und mir kam der Gedanke, dass ich die beiden im Stich ließ. Was war, wenn ihnen etwas zustieß? Oder mir – und meine Frau dann ohne Mann und meine Tochter ohne Vater leben musste? Schnell verdrängte ich diesen Gedanken und die Angst, die mit ihm in mir hochkroch, wieder. Ich durfte mir solche Gedanken nicht erlauben, sonst würde ich nicht kämpfen können. Außerdem würde ich schon nicht fallen. Schließlich war ich ein tapferer deutscher Soldat, ein Held! Während ich das dachte, stellte ich mich unwillkürlich aufrechter hin, straffte meine Brust, und sah durch das Fenster zu, wie ich dem Abenteuer meines Lebens entgegenfuhr, fort aus dem kleinen Neuenmarkt mit der Eisenbahn in die große weite Welt.

 

Eine letzte Fahrt

Am frühen Morgen, die Luft eiskalt,der Schaffner Heldt zum Bahnhof kommt.Den Atem sehend, die Mütze wärmt,
der Schaffner Heldt die Tür aufsperrt.

Die Türe quietscht, das Gehäuse knackt,der Koloss auf Gleis im tiefen Schlaf.Das Kohlefeuer schon lange still,
die Räder auf ewig gleich gestellt.

Die Fenster sind eingefroren,die Steuerknüppel kalt,der Lack schon abgeblättert.Schaffner Heldt über dies´ alte Machtwerk staunt.

Wie schön wär es,wenn sie ein letztes Male stampft.Die Räder bahnen sich den Weg,und Lok 37 fährt in die Ferne.

Doch nichts – die Bahn bleibt stehen,kein Stampfen, kein Klopfen, kein Quietschen, kein Zischen.

Nichts – die Bahn bleibt stehen.Und Schaffner Heldt über dies alte Machtwerk staunt.Schon lange ausgedient,die Passagiere fehlen.Kein Lachen, kein Quatschen, kein Staunen, kein Klatschen,wenn die Lok 37 sie heil ans Ziel gebracht.

So einsam wie sie da steht,ist jeder Glanz verloren.Ausgedient und ausrangiert,bald gänzlich ist sie vergessen.

Schaffner Heldt steht ganz still da.In seiner Erinnerundie Maschine marschiert.Kein Wind, kein Sturm kann sie aufhalten.

Doch jetzt gar kraftlos, alt und schwer.Schaffner Heldt holt seine Männerum sie zu schieben,auf ihre letzte Fahrt.

Die letzte Fahrt aufs Abstellgleis,in den Schuppen, um die Arbeit zu verrichten.Die Arbeit, die so weh ihm tut,sie in ihre Teile zu zerlegen.

Doch eines bleibt dem Schaffner Heldt,die Erinnerung an Lok 37.

 

1. Platz

Antonia Schmidt, 15 Jahre Schülerin

am Markgraf-Georg-Friedrich Gymnasium Kulmbach

2.Platz

 Jannik Schulz, 17 Jahre
Schüler am Markgraf-Georg-Friedrich Gymnasium Kulmbach

 

Die Zugfahrt

Er liebte das Zugfahren. Jedes Mal, wenn seine Mutter ihren geblümten Mantel und den großen lilafarbenen Hut zusammensuchte, wusste er, dass es wieder zum Bahnhof ging. Der Bahnhof war groß und laut und für einen so kleinen Jungen wie er es war, bereits ein Abenteuer für sich. Während seine Mutter ihn mit zügigen Schritten hinter sich her zog, konnte er genau beobachten, wie die Menschen um ihn herum wuselten. Manche schnell und manche langsam. Jeder war ganz anders als der Nächste. Manche waren groß und andere wieder klein. Er konnte junge Menschen hektisch durch die Massen hasten sehen, aber auch Alte, welche sich langsam Schritt für Schritt bewegten. Sobald die beiden am Bahnsteig standen, wartete er immer gespannt darauf, dass die riesige Lokomotive endlich einfuhr und er nach all der Warterei einsteigen durfte. Nachdem sie den schier endlos langen Wagen fast komplett durchquert hatten, ergatterte er einen Sitzplatz am Gang. Von dort aus konnte er viele der anderen Passagiere sehen.

Direkt gegenüber saß eine Frau mit einem kleinen Mädchen auf dem Arm. Das Kind schlief unruhig und die Mutter ebenfalls. Warum waren sie wohl hier? Er stellte sich solche Fragen immer wieder. Vielleicht fuhren sie zum Vater oder zu den Großeltern, um dort einen Geburtstag zu feiern. Oder sie fuhren auf eine andere große Feier, wie etwa eine Hochzeit oder eine Taufe. Vermutlich waren sie aus ganz banalen Gründen freiwillig, genau jetzt in diesem Moment, hier im Zug. Aber was wenn nicht? Könnte es sein, dass sie hier saßen, weil sie vielleicht flüchten mussten, vor irgendwas oder sogar vor irgendjemandem? Das war kompletter Unsinn. Wer sollte schon einem so kleinen Kind und einer so hübschen Frau etwas antun wollen? Könnte es vielleicht sein, dass die Frau auf geheimer Mission unterwegs war? Jetzt wusste er es: Sie war auf dem Weg, das Mädchen, was gar nicht ihre Tochter war, in ein großes Geheimversteck zu bringen, welches in einer Höhle direkt hinter einem Wasserfall lag. Das Mädchen hatte wichtige Informationen für den Anführer einer Bande … oder vielleicht waren die beiden auch Zeitreisende? Es wurde ihnen zu langweilig in der Zukunft und sie kamen hierher. Mit einem Schiff auf … Nein, mit einem Zug! Die beiden waren mit einem Zug durch die Zeit gereist. Und sie mussten ein weltbewegendes Ereignis verhindern. So ein kleines Mädchen könnte nur verhindern, dass …

… dass das nächste pinke Stofftier in den Regalen endete. Er konnte nicht ausstehen, dass die Regale in jedem Spielzeugladen nur so vor pink leuchteten. Man könnte ja mal etwas anderes versuchen, wie himmelblau, moosgrün, gardinenrot, raumschiffgrau oder matschbraun. Matschbraun, wie der lange Mantel des Mannes hinten links. Der Mann war schon sehr alt, vermutlich um die 400 Jahre und las durch seine runde Brille eine Zeitung. Der weiße Bart erinnerte den Jungen an einen weißen Zauberer. Aber was sollte ein Zauberer in diesem Zug? Einen magischen Stein finden oder eine Kette … Oder den Hebel, welcher die Zeitreisefunktion auslöste, die die Frau und das Mädchen genutzt hatten. Aber ein Zauberer besaß einen Stab, doch der Mann dort hinten hatte keinen. Jedoch könnte er auch ein König sein, ein König, welcher seinem Volk näher sein wollte, indem er mit diesem Zug reiste. Genau, er interessiert sich für seine Bürger und studiert heimlich ihre Interessen und Wünsche, indem er dort saß und so tat, als würde er lesen.

Und was war mit dem Pärchen dort hinten? Er trug graue Kleidung. Vielleicht ein Ritter … Ein Ritter und seine Prinzessin! Die Tochter des Königs? Nein, das konnte nicht sein. Wäre er ihr Vater, hätte er sich zu den Beiden gesetzt und würde sich nicht verstecken. Wenn sie keine Prinzessin war, dann bestimmt eine Meerjungfrau, schließlich hatte sie so lange und gelockte Haare. Aber wo war dann nur ihre Schwanzflosse? Plötzlich wusste er Bescheid. Sie war verflucht worden und der Ritter half ihr den Fluch zu brechen, damit sie wieder nach Hause gehen konnte … nach Hause schwimmen konnte. Die beiden würden noch viele aufregende Abenteuer und Prüfungen bestreiten müssen, bis sie endlich feststellen würden, dass nur ein Kuss von ihm ihre Erlösung sein konnte. Ein Kuss wahrer Liebe, wie in allen Büchern, welche der Junge las. Vielleicht sollte er hinüber gehen und den beiden die Antwort verraten, dann würden sie sich einiges an Ärger ersparen. Aber er konnte nicht einfach ihre Geschichte zerstören. So etwas machte man schließlich nicht.

Was war das nur für ein Zug? Gefüllt mit Zeitreisenden, einem König, einem Ritter, einer Meerjungfrau und natürlich dem kleinen Jungen und seiner Mutter. Jedes Mal, wenn er den Zug betrat, begleiteten ihn so viele unterschiedliche Menschen und jeder Einzelne hatte so eine spannende Geschichte. Der Junge konnte kaum erwarten die nächste zu ergründen. Er liebte das Zugfahren.

 

3.Platz

 Tamara Zeidler, 17 Jahre Schülerin am Caspar-Vischer-Gymnasium Kulmbach

 

Transsibirskaja, 16.43 Uhr Richtung Moskau.

Sie tanzten vor dem Fenster, nur einen Augenblick – schon waren sie verschwunden. Noch einmal. Ein kurzer, lebendiger Tanz. Es sah nach Dreivierteltakt aus und in seinem Kopf spannte sich ein Walzer auf, schwankte zwischen Heiterkeit und gedrückter Stimmung, zwischen Dur und Moll. Da – wieder. Vor dem Fenster des Salonwagens schwebten drei Flocken entlang, vier vielleicht, für einen kurzen Moment wurden sie Teil des sich stetig steigernden Klanggebildes in seinem Kopf, dann waren sie wieder verloren, gingen unter im Meer aus Weiß.

»Dürfte ich mich zu Ihnen setzen?« – Er ignorierte es.

Er mochte sie nicht, diese neue Art von Zügen. Immer schneller, immer größer, immer voller. Er fühlte sich gejagt, auf der Flucht. Als wolle er vor etwas entkommen, bahnte sich der Zug seinen Weg durch die kalte Wüste – links und rechts nichts als Schnee, doch: einmal. Eine vereinzelte Gruppe Nadelbäume, eingeschneit und mit im Sonnenlicht funkelnden Eiszapfen besetzt, unterbrach das Bild der trostlos vereinsamten Wüstenlandschaft und wandelte es zum beinah noch trostloseren einer einsam sterbenden Welt.

Lag es an ihm, das Gefühl der Flucht? Floh er? Vor wem? Der Walzer in seinem Kopf wechselte die Tonart, hinauf zur Dominante. Aus der Heiterkeit wurde ein Gefühl des Gehetztseins, die Töne schriller, zwei Schneeflocken klatschten im Sforzato gegen die Scheibe, die Betonungen verschoben, doch –

»Würde es Ihnen etwas ausmachen?« – Er musste aufsehen.Gewöhnlich lehnte er derartige Bitten sofort ab, doch zu seiner eigenen Überraschung war es diesmal anders.»Bitte, setzen Sie sich.« – Der Andere nahm Platz.»Wohin fahren Sie?«»Moskau.«»Ah, ich auch.«

Ein junger Mann hatte sich ihm gegenüber gesetzt und die Hände auf dem kleinen Tisch zwischen ihnen verschränkt. Eine einzelne Locke seines dunklen Haars fiel herab auf seine Stirn, als er sich umwandte, um aus dem Fenster zu sehen. Der Andere war hübsch, und obwohl seine sanften, vor Wärme geradezu strahlenden Gesichtszüge überhaupt nicht zu dem kalten Wind passten, der gerade im Moment wieder ein kleines Schneegestöber gegen den dahin rasenden Zug presste, schienen er und der Winter seltsam vertraut zu sein.

»Sind Sie gerade erst zugestiegen?« – Er bekam keine Antwort.

Er bewunderte das dunkle Haar des Anderen. In dicken Wellen schlug es sich um seinen Kopf, lag wie die Krönung auf seinem friedvollen Gesicht. Er sah ihn an und war sich nicht mehr sicher. Er war sich nicht mehr sicher, wessen er sich nicht mehr sicher war. Der Andere blickte nur aus dem Fenster, seine blauen Augen auf die unerbittliche Schneedecke gerichtet.

Ihre Knie berührten sich. Der Walzer in seinem Kopf, für einen kurzen Moment verstummte er. Dann setzte er wieder ein. Doch etwas war anders. Die Gehetztheit wich. Der Schnee, er begann Blumen allerlei Formen an die Fenster zu malen: viele kleine, zerbrechlich wirkende, die die Dynamik seiner Komposition dämpften, doch auch eine größere, bis in ihre Spitzen fein gezeichnete: ein Kunstwerk des Winters. In den blauen Augen spiegelte sich das Bild der zauberhaften, kalten Schönheit – vielleicht. so dachte er kurz – vielleicht spiegelte es sich in seinem ganzen Gesicht. Beruhigend wurde der Walzer allmählich, Nachschläge reihten sich ein, als sich draußen die Bäume zu häufen begannen. Der Zug bahnte sich weiter seinen Weg, rechts und links im Licht der langsam versinkenden Sonne in tiefstem Rot schimmernde Flächen, Bäume, kleine Wälder, wie Inseln des Lebens, das sich weigerte, zu gehen, die Landschaft unterbrechend. Blaue Augen, darin verlorenzugehen? Nein. Sich darin geborgen zu fühlen?

Vor wem floh er? Floh er? – Eine Kadenz baute sich auf. Der Zug fuhr weiter, er hatte ein Ziel. Kannte er seines? – Der unsichere Walzer endete.Seine Hand streifte die, die auf dem Tisch lag. Absichtlich? – Blaue Augen.

 

4. Platz

Simon de Ridder, 18 Jahre Schüler

am Caspar-Vischer-Gymnasium Kulmbach

Menschliche Züge

Jeden Tag sehe ich etwas anderes. Und doch sehe ich jeden Tag dasselbe. Hunderte, nein, tausende von Menschen, die kommen und gehen. Sie laufen, sie rennen, sie schleichen. Dahin, wo auch immer der Wind sie trägt. Es ist Wahnsinn, wie unterschiedlich sie alle sind und doch so gleich. Alle kommen sie hier zusammen - am Bahnsteig. Seit vielen Jahren transportiere ich diese abertausenden von Menschen nun von einem Ort zu einem anderen. Wohin genau, dass weiß nur Gott und der Himmel. Wann es wo hingeht, bestimme schließlich nicht ich. Ich werde geleitet, über mich wird bestimmt. Ich fahre nicht los, wann ich will, ich halte nicht an, wenn ich das will. Ich bremse auch nicht, wenn mir der Sinn danach steht. Das wird alles für mich erledigt, von menschlicher Hand.

Es sieht vielleicht so aus, als wäre ich nur eine Bahn, eine schlichte, langweilige Eisenbahn, denn mich sehen alltäglich viele. Möglicherweise nehmen die Mitreisenden mich auch gar nicht mehr so wirklich wahr, weil es einfach schon zu einer Gewohnheit geworden ist, zu mir zu kommen und eine Reise mit mir anzutreten. Ich fühle mich bei diesem Gedanken nicht unbedingt wohl.

Die sollten froh sein, dass es mich gibt! Schließlich kämen manche ohne mich nicht vom Fleck. Ohne ein anderes Fahrzeug weite Strecken fahren? Geht schlicht und einfach nicht. Aber ich sollte mich nicht beschweren, ich würde schließlich ohne Gäste nichts um mich herum mitbekommen. Wenn sich Freunde unterhalten, lausche ich immer gespannt dem Gespräch und blende alles andere um mich herum aus. Sie reden dann über Mode, Kultur, Essen und auch über die aktuellen Nachrichten.

Etwas, was mich dabei immer wieder schockiert, ist die Tatsache, dass so viele Bahnen verunglücken. Dann passiert es, dass ich auch mal streike. Keine Lust habe, oder zu traurig bin, um weiterzufahren. Jeder beschwert sich über mich, weil ich wieder zu spät sei. Niemand kann sich in mich hineinfühlen. Ich wünschte manchmal, jemand könnte es. Dann wäre alles, schätzungsweise, etwas leichter.

Ich bezeichne es schon immer als Reise, egal, ob die Gleise mich nur ein paar Kilometer weitertragen. Außerdem ist es immer abenteuerlich zu sehen, wie sich die Dinge verändern.

Ich beobachte die verschiedenen Jahreszeiten - Frühling, Sommer, Herbst und Winter.

Der Frühling ist mir die liebste Jahreszeit. Alles wächst und gedeiht, Blumen, wie Vergissmeinnicht oder Narzissen und so viele andere Arten durchbrechen die Erde nach einem langen Winter und sprießen. Die Vögel zwitschern ihre Liedchen und bauen in jedem erdenklichen Baum ihr Nest. Der letzte Tau liegt auf den Blüten und Blättern, den die Frühjahrssonne verdampfen lässt. Ab und zu sieht man auf der einen oder anderen Wiese auch mal ein Feldkaninchen hoppeln oder Rehe stehen, die nach Nahrung suchen.

Nach der Zeitumstellung zur Sommerzeit oder auch Standartzeit, ist es immer amüsant zu betrachten, wie müde Erwachsene und auch Kinder am frühen Morgen zu mir trotten. Die meisten gähnen und können sich vor Müdigkeit gar nicht richtig auf den Beinen halten. Andauernd fallen dem Nächsten die Augen wieder zu. Leid tun sie mir nicht. Wer hat diese Regelung denn ins Leben gerufen?

Ehrlich muss ich sagen, dass es mich überrascht, wie sich die Menschen radikal geändert haben. Von einem Tag auf den Anderen. Viele bezeichnen es als die Modernisierung. Die „Revolution“ der traditionellen Form der Gesellschaft, wenn man es so nennen mag. Plötzlich, mit einem Schlag, hat sich meine halbe Welt umgekrempelt. Ich musste mich dementsprechend anpassen.

Wenn ich über das alles nachdenke, kommt mir dieser sonderbare Gedanke, dass ich mich gar nicht so sehr vom Menschen unterscheide. Ich habe einen Motor der mich antreibt, wie beim Menschen das Herz. Alles in mir verbaute, hat eine bestimmte Aufgabe, ihren individuellen Nutzen. Alles führt dazu, dass ich fahren kann. Wenn etwas nicht sinngemäß funktioniert, bin ich für eine Weile außer Betrieb und muss aufbereitet werden, bin also nicht funktionstüchtig. Menschen nennen es, wenn ich mich recht erinnere, „krank“. So habe ich das zumindest verstanden. Ich habe auch soziale Kontakte. Vieles, was ich sehe und höre, erzähle ich ihnen aber nicht. Ich habe Angst, dass es für die anderen komisch klingt, wenn ich damit anfange, von Frühlingsblumen zu erzählen. Deshalb halte ich mich häufig aus den Gesprächen raus. Obwohl ich Smalltalk wie die Pest hasse, ist es für mich aushaltbar.

Es kam schon einmal vor, dass eine von uns gegangen ist. Frohen Mutes hat diese sich verabschiedet. Ich habe sie nie wiedergesehen, denn keiner weiß was passiert, wenn wir irgendwann nicht mehr nutzbar sind, wegen eines irreparablen Schadens. Ich glaube, dass es dann zu Ende ist. Welchen Nutzen habe ich dann noch, wenn ich keine Reisen mehr antreten kann oder darf. So etwas gibt es bei den Menschen auch, dass eine Person plötzlich nicht mehr existiert. Man sieht, es gibt Ähnlichkeiten. Im Allgemeinen ist es seltsam als „Ding“, als „Gegenstand“ bezeichnet zu werden. Es ist aber nicht verwunderlich. Die haben genug zu tun, keine Zeit um sich in Eisenbahnen reinversetzen zu können. Das ist aber ok. Es war ja schon immer so.

 

5. Platz

Alina Backhaus, 17 Jahre Schülerin

an der Hans-Wilsdorf-Berufsschule Kulmbach

24.02.2018

Wolfram Stutz Verleger, Verlag Leben in der Sprache, Presseck in Gespäch mit den jungen Autoren

Landrat Herr Söllner
Karin Minet 1. Vorsitzende des Kulmbacher Literaturvereins

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