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Meyer Martin

Martin Meyer, geboren 1967 in Schweinfurt, studierte Jura und war als Staatsanwalt und Strafrichter tätig.

Seit 2007 schreibt er. Zumeist heitere und hintergründige Kurzgeschichten, von denen bereits einige in Anthologien erschienen sind, vor allem aber Romane – und ab und zu auch Gedichte. Er ist Mitglied der Bamberger „Textweber“, der „Fränkischen Wortklauberei“ und des „Literaturvereins Kulmbach“. Außerdem  engagiert er sich im „Bundesverband junger Autoren“ (BVjA). Ferner spielt er Orgel und Posaune. So gilt sein Ohrenmerk immer auch dem Klang von Sprache und Text.

www.sprachklangwelten.de

 

FRAUKE HEISTERKAMP

 

Moin moin. Ich heiße Frauke Heisterkamp, und ich habe den schönsten Beruf der Welt. Ich bin Postvorsortiererin auf Norderney.

Was ich da tu? Ich sortiere vor! Sie haben richtig gelesen: ich sortiere die gesamte Post nach Zielorten vor. Damit die Briefe, die auf der Insel bleiben, nicht unnötig aufs Festland gebracht werden.

 

Langweilig? Nein. Ich liebe die vielen bunten Ansichtskarten. Und nichts in Umschlägen, nichts verflixt und zugeklebt, alles ungeschminkt zu lesen. Sie glauben ja nicht, was die Leute so alles schreiben, wenn der Tag lang ist. Vor allem hier an der Nordseeküste, wo es meist regnet und sich die Urlaubstage in die Länge ziehen wie ein ausgeleierter Hosengummi. Und so bin ich immer bestens im Bilde. Übellaune, Hühneraugen, ein Kurschatten, noch frisch oder längst verflossen – oder schlicht beredtes Schweigen. Witziger als alle Soaps, spannender als jeder Groschenroman. Und dazu völlig umsonst. Wobei es die typische Ansichtskarte nicht gibt. Es lassen sich vielmehr drei verschiedene Grundtypen unterscheiden.

 

Die erste und interessanteste Gruppe sind die passionierten Vielschreiber. Meist ältere, verwitwete Damen mit größerem Familien- und Freundeskreis und einer Schnörkelschrift wie Kreuzstich oder „Plauener Spitze“. Kein Quadratzentimeter der Karte bleibt bei denen ungenutzt, und dann schreiben sie meistens noch im Halbkreis weiter, um die Anschrift auf der rechten Seite der Karte herum. Von denen kommt denn auch immer gleich ein ganzer Packen Karten auf einmal, damit nur ja keiner früher drankommt als der andere. Könnte ja Ärger geben.

Die zweite Gruppe? Zum Beispiel so: Liebe Tante Käthe, hier ist es schön, Wetter auch, sind die ganze Zeit am Strand. Wir hoffen, es geht Dir gut? Gruß, Andreas. Von wegen, Andreas hasst Tante Käthe; eigentlich würde er ihr niemals eine Karte schreiben, tut es aber dennoch. Klar, er will eben nicht enterbt werden.

Und die dritte Gruppe? Das sind die unbedarften Chaoten. Die Postleitzahl fehlt oder ist mit einem dicken Fragezeichen versehen, desgleichen die Hausnummer. Aber da kommt mir meine Berufserfahrung zustatten, mein PLZ-Verzeichnis und meine gesammelten Adressbücher. Neulich war da sogar ne Karte ohne jeden Empfänger, die rechte Seite weiß. Da habe ich einfach irgendein Adressbuch aufgeschlagen und habe blind getippt. Freut sich schließlich ein jeder über unverhoffte Post, Sie doch sicher auch, oder?

 

Nur leider, leider gehe ich übernächsten Monat in Rente. Und mit mir das Postamt auf Norderney. Outsourcing. Wegen des neumodischen Briefzentrums, das ab sofort alles sortiert und verteilt. So ein Blödsinn. Dann geht alle Post, die für die Insel bestimmt ist, erst mal aufs Festland und dann wieder zurück. Aber was willst du schon machen? Ich bin eben nur ein kleines Licht, da interessiert sich doch keiner für. Nun gut, jedenfalls habe ich vorgesorgt und mir, wenn hier geschlossen wird, für mein Rentnerdasein mein Kabuff hier im Amt gemietet. Dann eröffne ich ein Museum. Urlaubspost einst und jetzt. Jaja, die originellsten Karten, Bilder und Texte habe ich mir gesichert, eine im Monat, oder auch zwei. Das fällt nicht auf, es kann ja schließlich nicht immer alles ankommen. Und ohne Schwund kein Fund.

 

So, jetzt muss ich los, unser Postauto kommt gerade mit dem nächsten Sack. Gestatten, Frauke Heisterkamp, die allerletzte Postvorsortiererin auf Norderney.

 

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